Global denken - lokal handeln   
Von Radieschen und Eisbären
Ein Artikel von Dr. Kersten Erdelbrock

Global denken - lokal handeln
Bioabfallsammlung durch die BSR


"Global denken – lokal handeln" lautet ein häufig gebrauchtes Motto der Umweltbewegung. Mit diesem Beitrag möchten wir aufzeigen, dass er an Bedeutung und Aktualität nichts eingebüßt hat. Ein Blick in den Kühlschrank soll uns beispielsweise die Frage be­ant­worten, was ein eingeschrumpeltes Radieschen mit den Überlebenschancen der Eisbären in der Arktis zu tun hat. Ein absurdes Unterfangen? Warten Sie es ab. Beginnen wir damit, was mit dem besagten Radieschen, den Kartoffelschalen oder den Resten der letzten Mahlzeit zu tun ist. "In die Biotonne", sagt die BSR, oder besser "In die BIOGUT-Tonne", wie unser Entsorger meint, wohl um zu unterstreichen, dass es sich dabei nicht um Abfall oder gar Müll, sondern um etwas wertvolles, etwas "Gutes" handelt. In einer Werbekampagne für die Biotonne kündigt die BSR an, die Bioabfallsammlung zu intensivieren, das Material in einer Vergärungsanlage in Biogas, Kompost und Flüssigdünger umzusetzen und mit dem Biogas große Teile ihrer Fahrzeugflotte zu betanken. Wie das alles zusammen passt? Zur Klärung dieser Frage ändern wir unseren Betrachtungswinkel allmählich von "lokal" zu "global".

Biogas aus Berliner Bioabfällen wird zum Betrieb von Fahrzeugen genutzt. So werden fossile Energieträger wie Diesel oder Erdgas ersetzt und damit eingespart. Seit langem verfügt die BSR über Erdgasfahrzeuge. Dadurch wird der Druck auf begrenzte Ressourcen wie Erdöl und Erdgas reduziert. Das wirkt sich tendenziell auch auf die Preise für Produkte aus diesen Rohstoffen aus. Außerdem reduziert sich in dem Maße, wie Bioenergie umweltfreundlich erzeugt wird, die umweltbelastende Produktion und der Transport von Erdölprodukten.

Die Verteuerung und Verknappung erdölbasierter Treibstoffe hat längst zu einer neuen Wachstumsbranche von globalen Ausmaßen geführt. Gemeint ist die Produktion von "Energiepflanzen" (Palmöl, Zuckerrohr, Raps u.a.) und deren z.T. katastrophalen ökologischen und sozialen Folgen. In den Tropen werden Urwälder gerodet, um die so gewonnenen Flächen mit Monokulturen zu bestellen. Bis die entwaldeten Böden kulturfähig sind, werden wie in Indonesien zur Pflanzung von Ölpalmen häufig mehrere Meter mächtige Torflager abgebrannt. Nach Expertenberechnungen übersteigt die dabei entstehende Menge des Klimakillers Kohlendioxid (CO2) die entsprechenden CO2-Gutschriften, die später bei der Erzeugung von Bioenergie anzusetzen sind, um ein Vielfaches. Auch unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten wird die Produktion von Energiepflanzen häufig kritisiert. Beispiele dafür sind die Enteignung und Verdrängung einheimischer Bevölkerungsgruppen sowie der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. In diesem Zusammenhang gibt es auch eine ethische Komponente, die sich im Konflikt "Tank oder Teller" zuspitzt. Zunehmend werden Flächen, die zur Nahrungsmittelproduktion genutzt wurden, zur Erzeugung von profitableren Energiepflanzen umgewandelt. Die Produktion von Nahrungsmitteln kann so noch weniger mit der Bevölkerungsexplosion Schritt halten. Diese Entwicklung führt in globalisierten Märkten zu steigenden Lebensmittelpreisen und Verschiebungen im Haushaltsbudget. In ärmeren Ländern hat das Hunger breiter Bevölkerungsschichten und erster Hungerrevolten zur Folge.

Betrachten wir eine weitere, nicht minder wichtige Wirkungskette. Durch die Erzeugung von Bioenergie und den Ersatz fossiler Brennstoffe wird in entsprechendem Maße CO2 eingespart. Darüber hinaus wird ein weiteres, sehr viel wirksameres Treibhausgas vermieden. Wir sprechen von Methan (CH4). Das kann im Rahmen einer alternativen Kompostierung bei nicht optimal eingestellten Rotteprozessen entstehen, wenn sich sauerstoffarme Bereiche in der Miete bilden. Beide Gase, Kohlendioxid und Methan, führen zum so genannten Treibhauseffekt mit vielfach katastrophalen globalen Auswirkungen. Nun sind wir endlich bei den Eisbären angelangt. Die jagen im Sommerhalbjahr auf begehbaren Eisflächen. Diese aber schmelzenzunehmend weg.

Neben Biogas wird die hochmoderne Vergärungsanlage der BSR Düngemittel für Landwirtschaft und Gartenbau bereitstellen. Dabei handelt es sich um Kompost und Flüssigdünger. Der Gärrückstand wird belüftet und anschließend kompostiert. Diese Produkte ersparen die Produktion und den Transport von Kunstdünger, was dem Klima ein weiteres Mal zugute kommt. Im Gegensatz zu Kunstdünger führen biologische Düngemittel zudem zur Humusbildung und unterstützen eine nachhaltige Fruchtbarkeit der Böden.

Die Vorteile gehen sogar noch weiter. Derzeit wird der überwiegende Teil des Berliner Hausmülls in der Müllverbrennungsanlage Ruhleben für die Erzeugung von Wasserdampf zur Verstromung und Erzeugung von Fernwärme verbrannt bzw. in zwei so genannten mechanisch-physikalischen Stabilisierungsanlagen (MPS) zu einem Sekundärbrennstoff veredelt. Der kann in Kraft- und Zementwerken Kohle und Erdgas ersetzen. Bioabfall besteht im Durchschnitt zu 65 Prozent aus Wasser. Als Bestandteil im Hausmüll setzt dieser den Heizwert herab und erfordert in den MPS-Anlagen entsprechende Mengen Erdgas zur Trocknung des Rohmülls, was die Energiebilanz dieser Technologie verschlechtert. Die konsequente Nutzung der BIOGUT-Tonne und die damit erreichbare Verringerung des Wassergehalts im Hausmüll ist auch daher ein Beitrag zum Klimaschutz. Fazit: Die BIOGUT-Tonnen sind für alle Berlinerinnen und Berliner eine Steilvorlage, ganz persönlich für den Klima- und Umweltschutz aktiv zu werden. Wenn sie die schwarze Tonne mit dem braunen Deckel füllen, denken Sie an die Radieschen und die Eisbären!
 
  Der Artikel von Dr. Kersten Erdelbrock ist erschienen im GRÜNBLICK - Naturschutz Berlin Malchow - Umweltblatt Nr. 79 November 2008
Foto:
aus dem Artikel von Dr. Kersten Erdelbrock  
Schaubild zur Biogut-Sammlung   
Das Schaubild zur Verdeutlichung der Zusammenhänge können Sie per Mausklick vergrößern. 
Das plant die BSR   
Den Bau einer Vergärungsanlage in Spandau mit einer Jahreskapazität von 60.000 Tonnen
Sammelmenge aus den BIOGUT-Tonnen derzeit 53.000 Tonnen im Jahr bei einem Anschlussgrad von 83 % der Berliner Haushalte. Die erzeugte Biogasmenge entspricht 1,9 Millionen Liter Diesel.

Die Option auf eine Jahreskapazität von 100.000 Tonnen durch den Bau einer 2. Anlage
Verwertung des Biogases zur Betankung von BSR-Fahrzeugen. Inbetriebnahme voraussichtlich Ende 2010. Trockenfermentation über einen Zeitraum von rund drei Wochen bei Temperaturen zwischen 33 und 37 °C (mesophil) bzw. zwischen 55 und 60 °C (thermophil). Nachbehandlung des festen Gärrückstandes und stoffliche Verwertung der festen und flüssigen Gärreste.  
 
Probleme mit der BIOGUT-Tonne?   
Besonders in den Sommermonaten kann es in und um die BIOGUT-Tonnen zu unangenehmen Gerüchen und hygienischen Problemen kommen. Ursache dafür ist fast immer eine unvorteilhafte Befüllung, insbesondere ein zu hoher Wassergehalt. Überschüssiges Wasser kann jedoch sehr einfach gebunden werden. Dafür bietet der Handel speziell für die Bioabfallsammlung geeignete Papiertüten an. Aber auch Zeitungspapier, in das die häuslichen Bioabfälle eingewickelt werden, erfüllt diese Funktion zuverlässig und ohne Kosten. Unser Praxistipp: Wickeln Sie ihre Bioabfälle dick in Zeitungspapier ein bzw. schlagen Sie die von der BSR gestellten Transportbehälter für die Küche mit viel Papier aus. Die so genannten Bio-Boys erhalten Sie entgeltfrei an allen Recyclinghöfen.
Bei Fragen zur BIOGUT-Tonne erreichen Sie die BSR unter Telefon: 030 - 7592 – 66 20.  
 
 

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