Gedanken zur Nachhaltigkeit   
Nachhaltigkeit zu Ende denken!
Ein Artikel von Eduard Aman - Chefredakteur Magazin "SEIN"

Kein anderer Begriff wird heute derart inflationär verwendet wie der der Nachhaltigkeit.
Ob es sich um Biosprit, eine Geldanlage, die angebliche Umweltfreundlichkeit eines Automobilherstellers oder um eine Entscheidung der Wirtschaft oder der Poltik handelt: Kein Thema wird ausgelassen, um Nachhaltigkeit als positive Umschreibung und Unterstreichung mit einer in die Zukunft gerichteten Aktivität in Verbindung zu bringen.
Mitnichten sind die meisten dieser Aktivitäten wirklich nachhaltig, wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs einmal in Erinnerung ruft. Der Verweis auf Nachhaltigkeit suggeriert vorhandenes Bewusstsein. Es ist eine Formel, mit der der Anwender zu verstehen gibt, dass er, wenn auch nicht das Mysterium des Lebens selbst, so doch dessen Komplexität verstanden hat.

"Umsonst" und "kostenlos" sind im allgemeinen Verständnis zwei Begriffe gleicher Bedeutung. So scheint es jedenfalls. Hauptsächlich in der Werbung verwendet, finden wir erstaunlicherweise selbst in Finanzkreisen und der Politik immer wieder die Bezeichnung "umsonst", wenn "kostenlos" gemeint ist. Fragen Sie ihr Gegenüber nach dem Unterschied, werden Sie meist zur Anwort erhalten, das sei doch das Gleiche. Zu erklären, worin nun der Unterschied besteht, kann die Frage nach der Schul- und Berufsausbildung verdeutlichen.

Machen Sie den Versuch und führen Sie an, dass die eigene Ausbildung, da vom Staat finanziert, kostenlos gewesen sei, die Bildungsbemühungen des anderen hingegen offensichtlich umsonst gewesen sind. Sehr schnell dürfte dem Befragten klar werden, wo der Unterschied liegt.

Mit dem zur Gehirnwäschefloskel verkommenen Begriff der Nachhaltigkeit schleichen sich nun ähnliche Irritationen in das Verständnis des Bürgers ein. Kein anderer Begriff eignet sich scheinbar besser, um uns glauben zu machen, der Anwender habe seine Entscheidungen zu Ende gedacht. Da heißt es zum Beispiel in einer Presseerklärung der Europäischen Zentralbank, die Bank werde "wie erforderlich handeln, um nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Preisstabilität zu fördern".

Der Standardsatz aus dem Mund deutscher Unternehmenschefs lautet gar: "Wir erzielen nachhaltig positives Wachstum". 'Nachhaltige Werte schaffen' will auch der Chef von Audi, Rupert Stadler, wenn er erklärt: „Nachhaltig unternehmerisch zu handeln heißt für uns auch, ökologisch verantwortungsbewusst zu handeln, denn ein Audi A6 benötigt im Vergleich zu seinem Vorgänger von 1995 35 Prozent weniger Kraftstoff". Besonders dick trägt der Daimler-Konzern auf, wenn es um angebliche Nachhaltigkeit im Unternehmen geht. Da heißt es in einer Imagebroschüre: "Wie begegnet der Erfinder des Automobils den Herausforderungen einer nachhaltigen Mobilität? Ganz einfach: Daimler nutzt seine vorhandene Technikkompetenz, um die vielfältigen Anforderungen auch zukünftig in eine ganzheitliche Balance zu bringen." Aha, Daimler kolportiert, schon immer ein nachhaltig ausgerichtetes Unternehmen zu sein und obendrein sei dem Unternehmen die 'ganzheitliche Balance' quasi schon in die Wiege gelegt, da sie auch zukünftig erbracht werden will. Daimler und ganzheitlich? Haben wir da etwas verpasst? Hat Daimler etwa seine Seele entdeckt?

Eine ziemlich traurige Vorstellung davon, was nachhaltig bedeutet, lieferte unlängst unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Lateinamerikareise. Sich um den brasilianischen Urwald sorgend, forderte sie die Brasilianer dazu auf, "dass ein nachhaltiger Weg gefunden werden muss", um Biosprit zu erzeugen. Der Gouverneur der brasilianischen Provinz Mato Grosso, Blairo Maggi, lässt hingegen keinen Zweifel daran, dass er pragmatisch denkt und handelt, indem er feststellt, dass die Abholzung des brasilianischen Urwaldes zur Lösung des weltweiten Nahrungsproblems unvermeidlich sei. Der Mann, der dank Urwaldrodung zu einem der größten Großgrundbesitzer Brasiliens und zum größten Sojaexporteur der Welt wurde, dürfte wohl solange eine Legitimation für seinen Krieg gegen den brasilianischen Regenwald erhalten, solange z. B. der deutsche Konsument die Versorgung der Schweinemastbetriebe hierzulande mit billigem Sojamehl aus Brasilien toleriert. Mit Gentechnik-Soja, versteht sich.

Wenn wir der Bedeutung von Nachhaltigkeit auf den Grund gehen, werden wir unzählige Modelle und Ideen als Antwort erhalten. Eine interessante Variante lieferte zweifellos die Bundesregierung des Jahres 2002 mit ihrem 343 Seiten mächtigen Fahrplan "Perspektiven für Deutschland – eine Strategie für die nachhaltige Entwicklung unseres Landes". Dort lesen sich Sätze wie: "Nachhaltigkeit bedeutet, nur so viel Holz zu schlagen, wie auch nachwachsen kann. Vom Ertrag – und nicht von der Substanz leben. Mit Blick auf die Gesellschaft bedeutet dies: Jede Generation muss ihre Aufgaben lösen und darf sie nicht den nachkommenden Generationen aufbürden."

Das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung

Angeblich von der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt" stammt eine in einem "Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung" zusammengefasste Definition.

Ökologische Nachhaltigkeit: Sie orientiert sich am stärksten am ursprünglichen Gedanken, keinen Raubbau an der Natur zu betreiben. Ökologisch nachhaltig wäre eine Lebensweise, die die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht, wie diese sich regenerieren.

Ökonomische Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaft solle wirtschaftlich nicht über ihre Verhältnisse leben, da dies zwangsläufig zu Einbußen der nachkommenden Generationen führen würde. Allgemein gilt eine Wirtschaftsweise dann als nachhaltig, wenn sie dauerhaft betrieben werden kann.

Soziale Nachhaltigkeit: Ein Staat oder eine Gesellschaft sollte so organisiert sein, dass sich die sozialen Spannungen in Grenzen halten und Konflikte nicht eskalieren, sondern auf friedlichem und zivilem Wege ausgetragen werden können.

Das Drei-Säulen-Modell ist in der Fachwelt umstritten, weil sich aus ihm kaum praktische Konsequenzen ableiten lassen und weil die ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit als einander gleichrangig dargestellt werden, wobei sich ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen gegeneinander aufwiegen lassen. Das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit müsse jedoch Vorrang haben, da der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ja erst die Voraussetzung für ökonomische und soziale Stabilität sei.

Die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung werden gerne um eine vierte – die der politischen Umsetzungsebene – erweitert, die sich neuerdings marktwirtschaftlicher Wertemodelle bedient, um natürliche Ressourcen, wie z.B. die Leistung und damit den Wert eines Baumes, zu definieren. Sicher ist vielen vorstellbar, dass die Leistungen der Natur, auch Naturkapital genannt, nur sehr beschränkt bzw. gar nicht ersetzbar sind durch das, was wir trocken Human- oder Sachkapital nennen. Wollen wir wirklich ernsthaft die Leistung der Bienen ersetzen, indem wir selbst losziehen, um die Blüten mit einem Pinsel zu bestäuben? Oder einen Roboter entwickeln, der diese Arbeit verrichtet? Was ist denn der Gesang der Vögel wert, oder der Frühlingsduft, oder das Farbenspiel der herbstlichen Laubwälder? Gibt es nicht auch so etwas wie einen Glücksfaktor in der Natur, der unser Leben erst lebenswert macht und sich nicht in Euro und Cent ausdrücken lässt? Hier kommt eine weitere, eine fünfte Säule ins Spiel: die spirituelle Dimension.

Alfred Herrhausen, der einstige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, kam 1989 angeblich durch ein Bombenattentat der RAF ums Leben. Er forderte einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Macht der Banken und die zumindest teilweise Entschuldung der Entwicklungsländer, was ihm damals sehr viel Misstrauen einbrachte.

Einer seiner Leitsätze war "Themen zu Ende denken und erst handeln, wenn alle Folgen abgewogen worden sind". Damit stand er, auch wenn er sich dessen nicht bewusst war, in der Tradition der nordamerikanischen Indianer. Deren Entscheidungsfindung beruht auf der Berücksichtigung aller relevanten Belange bis in die siebte Generation hinein. Bei einem mittleren Generationenabstand von 30 Jahren umfasst dies einen Zeithorizont von über 200 Jahren.

Was veranlasst diese Menschen, sich 200 Jahre in die Zukunft hineinzudenken, um Entscheidungen in der Gegenwart auf ihre Folgen für ihre Ur-Ur-Ur-Urenkel hin zu überprüfen? Es ist das tiefe Bewusstsein um die Endlichkeit der Ressourcen und um das richtige Verhältnis des Menschen zur Natur.

Vor diesem Hintergrund erscheinen viele heutige Vorstellungen von Nachhaltigkeit geradezu grotesk und dilettantisch durchdacht. Greenwashing sagen wir heute dazu. Sätze wie: "Wir erzielen nachhaltig positives Wachstum“, sind vor dem Hintergrund des Raubbaus an unseren natürlichen Lebensgrundlagen nur die peinliche Offenbarung des Nichtwissens und des Nicht-zu-Ende-Denkens. Auch wenn sie aus dem Munde eines Bankenvorstandes oder Konzernchefs stammen.

Nachhaltigkeit muss nicht länger zu einer Worthülse verkommen. Wo nachhaltig draufsteht, wird in Zukunft auch Nachhaltigkeit drin sein müssen. Ob KundInnen, WählerInnen oder GeldanlegerInnen, man sollte sie in ihren Fähigkeiten, bis in die siebte Generation denken zu können, nicht unterschätzen.
 
Diesen Artikel veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung aus dem Magazin SEIN 6/2008

Autor & Geschäftsfüher: Eduard Aman
Foto: aus dem Artikel 
  Links zum Thema Nachhaltigkeit auf den Seiten des berliner-umweltforums:

>> Programm Transfer 21 Bildung für nachhaltige Entwicklung

>> Kirche wirft Wirtschaftsmacht für nachhaltigen Einkauf in Waagschale

>> Bundesverband TuWas e.V. - der Name ist Programm 
 

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