|
Lebensqualität muss keine Utopie sein - Die Natur ist wichtigstes Kapital für die Zukunft Ein Artikel von Prof. Dr. Rolf Kreibich - IZT Berlin Nachdem wir deutschen Delegierten unter Leitung von Klaus Töpfer auf der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen 1992 hart um die Erarbeitung und Verabschiedung der Rio-Deklaration und die Agenda 21 – das Welt-Aktionsprogramm für eine nachhaltige Entwicklung im 21. Jahrhundert – gerungen hatten, waren wir zunächst über das Echo weltweit enttäuscht. Denn wir glaubten, dass die von 182 Staaten verabschiedete Agenda 21 schnell in konkrete Strategien und Handlungsprogramme umgesetzt würde. Aber zunächst geschah fast gar nichts. Aus heutiger Sicht sind gleichwohl die Vorgaben der Rio-Konferenz von 1992 - auch mit der Klimarahmenkonvention und der Deklaration zum Schutz der Wälder weltweit - eine besondere Sternstunde der Vereinten Nationen; vielleicht sogar ihre bisher größte Zukunftsleistung zur Erhaltung der Biosphäre und zur Rettung der Menschheit. Denn in all den Jahren danach gab es wohl kaum noch einmal ein Zeitfenster, das solche Perspektivleistungen der Vereinten Nationen ermöglicht hätte. Doch der Wind hat sich mittlerweile gedreht und die vielen lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Agenda 21 - Prozesse, -Projekte, -Initiativen, -Netzwerke etc. sprechen eine deutliche Sprache, dass die Rio-Impulse weltweit gezündet haben. Es hat sich, endlich – nach dreißig harten Jahren – erwiesen und auch herumgesprochen, dass Ökonomie und Ökologie keine Gegensätze sind, sondern in einer Welt der endlichen Ressourcen und verletzbaren Ökosysteme sich gegenseitig bedingen. Dass vernünftiges ökonomisches, ökologisches und soziales Handeln zusammengeht, beweist in erster Linie die ökologische Energiewirtschaft, die sowohl auf die Kraft der Sonne als auch die Effizienz moderner Wissenschaft und Technologie, die auf die Konsistenz sauberer Energiequellen, nachwachsender Rohstoffe und die Intelligenz von Energiespartechniken für Strom und Wärme setzt und die die Einsicht und Vernunft eines sparsamen Verbraucherverhaltens in allen Verbrauchssektoren – Industrie, Haushalte, Dienstleistungen und Verkehr – auf ihre Fahne geschrieben hat. Widerlegt ist auch die dümmliche These, die Unternehmen müssen erst große Gewinne einfahren, um mit diesen die Folgeschäden des gigantischen Energieverbrauchs fossiler und nuklearer Verbrennungen reparieren zu können. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass kein finanzieller Gewinn ausreichen würde, um die überdimensionalen Schäden fossiler und nuklearer Ressourcenverbrennung in der Biosphäre, die Ruinierung der Gesundheit von Menschen, die Zerstörung wertvoller Kulturgüter und Kulturlandschaften rückgängig zu machen. Zahlreiche Folgen wie die Vernichtung von Pflanzen- und Tierarten, massive Klimaveränderungen oder radioaktive Verseuchungen sind schlichtweg irreversibel. Die großen Dinosaurier der Energiewirtschaft haben Jahrzehnte astronomische Gewinne eingefahren. Wo waren sie denn bei der Entwicklung einer neuen, sauberen Energiestrategie mit ihren derzeit geschätzten 165 Milliarden Euro flüssigem Kapital ? Sie haben sich weder an der Entwicklung der erneuerbaren Energien noch an der Entwicklung und Einführung von Effizienztechnologien beteiligt und schon gar nicht an den Schadensfolgen in den meisten Lebensbereichen. Stattdessen verdienten sie massiv an den Folgeschäden der fossilen und nuklearen Verbrennung, sogar beim Aushandeln des Atomausstiegs mit 30 Milliarden Euro oder durch die Vergabe von Emissionszertifikaten durch den Statt zum Nulltarif. Alle diese Gewinne wurden zu Lasten der Steuerzahler und vor allem auch der Unternehmen gemacht, die zu schwach waren, um dem Treiben der Energiemonopolisten ein Ende zu setzen. Im Gegenteil, diese konnten zu Lasten der Allgemeinheit folglich die Energiepreise weiter fast beliebig erhöhen. Grimmiger Zorn und heilige Freude Wenn die großen Energieversorger wieder einmal Strom- und Gaspreise erhöhten, schwankte ich jeweils zwischen Zorn und Freude: Der Zorn stellt sich ein, weil man sich vor Augen halten musste, dass uns diese Monopolisten in ihrem abgegrenzten Versorgungsgebiet wieder ganz unverfroren in die Tasche griffen und so innerhalb der letzten fünf Jahre die Energiepreise im Durchschnitt um etwa 57 Prozent erhöhen konnten. Zum Glück gibt es wache Umwelt- und Verbraucherverbände wie die GRÜNE LIGA, den BUND oder die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher und mutige Bürger, die sich gegen diese sittenwidrigen Preiserhöhungen stemmen und vor Gericht ziehen – zum Glück in der Regel mit gutem Erfolg. Gleichwohl ist dieser Kampf der Davids gegen Goliaths zermürbend und leider ist bisher auch noch nicht gelungen, alle Karten und Tricks der großen Energieversorger ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Das Politmagazin des ZDF „Frontal 21“, hat dankenswerterweise die Tricks und Absprachen im Hinblick auf die Manipulierung der Leipziger Energiebörse offen gelegt. Und so ist es höchst ermutigend, dass schon über eine Million Kunden Eon, RWE, Vattenfall und EnBW den Rücken gekehrt haben. Vergnüglich stimmen mich die Strom- und Gaspreiserhöhungen der großen Energieversorger deshalb, weil sie der beste Motor sind, die Strategie der Energieeffizienz, der erneuerbaren Energien und der Energiespeichertechnologien voranzutreiben. Die Arroganz der Energiemacht hat die großen Konzerne offenbar blind gemacht für das, was sich derzeit wirklich abspielt: - Windräder, Solarkraftwerke, Solarfabriken, Biomasseanlagen, geothermische Modellprojekte schießen wie Pilze aus der Erde mit zunehmenden wirtschaftlichen Erfolgen; - Ausbaugewerbe und Zulieferer kommen manchmal nicht mehr nach, um die Nachfrage nach Systeminstallationen, Produkten und Halbprodukten zu erfüllen; - Die gesamte Branche erneuerbarer Energien und der Energie-Effizienztechnologien hat mit Abstand die meisten zukunftsträchtigen Arbeitsplätze geschaffen; - Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen kommen kaum nach, um den Fachkräftebedarf zu decken; - Kunden laufen den großen Energieversorgern scharenweise davon. Späte Einsicht braucht Konsequenz Natürlich haben die gigantischen Folgekatastrophen des Naturabbaus, des Klimawandels und der ungehemmten Wachstumseuphorie in Gestalt von Hurrikanen, Überschwemmungen und Landzerstörungen und eines auf Spielbank-Niveau organisierten Weltfinanzsystems dazu beigetragen, dass vielen Menschen auf dieser Erde klar geworden ist: Der Turbokapitalismus wird unsere Biosphäre und damit die natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen in relativ kurzer Zeit – ganz sicher noch in diesem Jahrhundert – zerstört haben, wenn nicht schnellstens in Richtung einer nachhaltig zukunftsfähigen Entwicklung umgesteuert wird. Vor diesem Hintergrund ist nur zu wünschen, dass noch mehr Menschen erkennen, dass die neoliberale Wachstumsstrategie gescheitert ist und mit ihr die ganzen Mainstream-Apostel der etablierten Wirtschafts- und Finanzwissenschaften. Einzig allein diese waren es, die uns weismachen wollten, dass permanentes quantitatives Wirtschaftswachstum möglich ist – bei endlichen Ressourcen und endlichen ökologischen Absorptionssenken. In der gesamten Biosphäre gibt es nicht eine einzige Größe, die immer nur wächst; die etablierte Wirtschafts- und Finanzwissenschaft hat gleichwohl den Unfug vom unendlichen Wachstum erfunden. Im übrigen wissen wir heute, dass trotz des anhaltenden Wirtschaftswachstums der Industrieländer in den letzten dreißig Jahren die Lebensqualität (Human Development Index) sowohl laut Messwerten der Vereinten Nationen als auch der Weltbank seit etwa 1976 abgenommen hat. Weitere Informationen unter: www.izt.de |
|
Veröffentlichung in der Berliner Umweltzeitung "Der Rabe Ralf" vom Dezember 2008 Foto: Volker Mühlenbruch / Pixelio |